Noch fünf Mal schlafen, und dann sind wir in Sicherheit!

Heute ist Sonntag der 05.01.2013,
seit dem Jahreswechsel gibt es auf Sylt keine Geburtshilfe mehr und Plan B rückt immer näher. Ich bin jetzt in der 38. SSW und soll 14 Tage vorher aufs Festland. Das wäre dann Mittwoch. Irgendwie ist mir das zu früh und ich kann noch nicht gehen. Daher geht es jetzt am Freitag los. Ich habe eine Luxuslösung gefunden, da ich in Hamburg bei vertrauten Menschen wohnen kann und dort gut aufgehoben bin. Trotzdem ist die Zeit gerade beschissen, denn jeden Abend gehe ich mit einem unguten Gefühl ins Bett – es könnte ja losgehen. Nachts bin ich alle 2 Stunden wach, der Geist ist wachsam und versucht jede Regung, jede Bewegung, jedes ziehen zu deuten. Bloß kein Signal verpassen. Und wenn ich dann in Hamburg bin, wird es wahrscheinlich nicht besser. Dann bin ich zwar gut aufgehoben und das KH ist in 5 min erreichbar, aber dann steht immer die Frage im Raum: „Schafft mein Mann es rechtzeitig, oder verpasst er diesen einzigartigen Moment, weil ein Großkonzern seinen vertraglichen Pflichten nicht nach kommt und das Land SH seine Bürger, seine Steuerzahler in Stich lässt! Wir kommen uns verraten und verkauft vor! Das Finanzamt ist auch nicht bereit einen Teil unserer Steuerschuld zu erlassen, da Steuern nicht an eine Gegenleistung gekoppelt sind, vom Staat gibt es nach wie vor auch nur 1 Tag Urlaub für die Geburt des Kindes, obwohl wir doch jetzt zwischen 2 und 4 Wochen brauchen und überhaupt und sowieso ist die ganze Situation unbefriedigend.

In der letzten Woche bin ich dann noch zu allem Überfluss mit einem Kreislaufkollaps in die ASKLEPIOS-NORDSEEKLINIK eingeliefert worden. Die Rettungssanitäter im RTW waren toll, die machen einen super Job. Der Assistent in der Notaufnahme gab mir auch ein gutes Gefühl. Aber dann ging es los. Das nächste Mal flüchte ich gleich! Ich bin nur froh, dass ich wieder Kreislaufstabil war und jederzeit auf eigenen Füßen das Haus hätte verlassen können. Sowohl der Arzt der mich aufnahm, als auch die Oberärztin hatten keine Ahnung, wie die aktuelle Situation gerade aussieht, welche Gynäkologen zuständig sind und wie man die Praxis der Frauenärzte erreichen kann. Nachdem die Zentrale es nicht geschafft hat, innerhalb von 10 Minuten mit der Frauenarztpraxis zu verbinden, bot ich dem Arzt an, ihm die Nummer aus meinem Handy-Telefonbuch raus zu suchen, da das den Vorgang ja beschleunigen könnte. Dankbar nahm er an und er erreichte die Praxis. Zunächst war ich überrascht, als es hieß, dass einer der beiden niedergelassenen Ärzte in einer halben Stunde kommen würde. Ich dachte, die sind nicht mehr zuständig. Naja, wie es aussieht, regiert Geld die Welt und den Rest muss sich an dieser Stelle jeder denken.

Nach Rücksprache mit meiner Frauenärztin durfte ich dann die Notaufnahme verlassen, mein Mann holte mich ab, brachte mit in die Praxis, ich wurde untersucht und alles ist gut. Aber die Erfahrung war schon unterirdisch.

Wenn es nur im mich gehen würde, dann würde ich es glaube ich drauf ankommen lassen und bleiben, bis es soweit ist. Im schlimmsten Fall scheint ja ein Gynäkologe zu kommen. Der wird mich schon nicht verrecken lassen, sondern ohne Hebamme einen Kaiserschnitt machen. Ich nehme an, im Notfall ist ALLES erlaubt. Aber ist es noch ein Notfall, wenn man die Geschichte im Voraus schon bis hier in erzählen kann? Da es aber schon lange nicht mehr nur im mich geht, sondern um mein ungeborenes Kind, kommt es gar nicht in Frage. Es soll den bestmöglichen Start ins Leben bekommen, um ein gesunder, starker und mutiger Mensch zu werden und zu kämpfen, wenn es drauf ankommt.

Mit hat das erlebte in der letzten Woche gezeigt, dass es die einzig richtige Entscheidung ist, diese Klinik nicht freiwillig zu betreten.

Traurig macht mich im Übrigen auch, dass unsere Bürgermeisterin sich zwar wie beim Karneval als Schwangere verkleiden kann, jetzt aber irgendwie nicht mehr für uns da ist. Die Zielgruppe ist halt nur 9 Monate eine Zielgruppe und dann nicht mehr. Gott sei Dank, gibt es Menschen auf der Insel, die bereit sind sich einzusetzen und für die Rechte der Schwangeren und ungeborenen Kinder zu kämpfen. DANKE!

Im aktuellen Koalitionsvertrag steht: „Die Sicherstellung einer flächendeckenden Versorgung mit Geburtshilfe ist uns wichtig. Wir werden daher die Situation der Geburtshilfe und der Hebammen beobachten und für eine angemessene Vergütung sorgen“. Liebe Bundesregierung, dann kommt doch mal in die Puschen und schaut, dass eure Ministerien ordentlich arbeiten oder schreitet selber ein!

Und noch was, wo sind denn die ganzen großen Fernsehsender, die sonst über jeden „Pups“ kritisch berichten. Eine so lasche und lahme Berichterstattung über so ein brisantes Thema lässt doch Böses vermuten, oder?

Und wohin ist der Versorungsauftrag verschwunden?
Wer hat den jetzt den Versorungsauftrag für die Menschen auf der Insel, wenn es ASKLEPIOS gestattet wurde, einen Teil davon zurück zu geben? Dann liegt der Versorgungsauftrag doch  beim Land, oder nicht? Ein Auftrag kann doch nicht einfach verschwinden! Vielleicht liegt der Auftrag mit der Geburtshilfe noch im Sozialministerium. Evtl. ist möglich, dass ich mein Kind da zur Welt bringe? Es gibt mit Sicherheit Schlimmeres, als dies auf einem Schreibtisch in einem angestaubten Bürogebäude zu tun…

Ich bin froh, dass ich nicht in dieser Klinik entbinden muss und hoffnungsvoll, dass ich Freitag rechtzeitig dran bin mit meiner Ausquartierung aufs Festland. Und für die Zukunft wünsche ich mir einfach nur, dass wir wieder eine anständige medizinische Versorgung in allen Bereichen auf der Insel haben, und ich mich vor einem Aufenthalt im Krankenhaus nicht fürchten muss. Denn das tue ich im Moment!

Christine Lunk


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