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Netzneutralität ist „alternativlos“!

NetzneutralitätEuropaStell dir vor, wir schreiben das Jahr 2020, und du willst dir ein Video im Netz anschauen. Pech nur, dass es Ende des Monats ist. Das Datenvolumen ist aufgebraucht. Das Schreckgespenst Datenvolumen-Ende soll nun auch für dein Festnetz verfügbar sein. Wenn das Datenvolumen ausgeschöpft ist, will die Deutsche Telekom schon bald nur noch zwei Megabit pro Sekunde durch die Leitungen lassen. Aber das ist nicht das einzige „Feature” der neuen Tarife.

Internet satt nur für Leute mit Geld

Internet satt nur für Leute mit Geld, das gab es schon einmal. Im Jahr 2000 haben wir mal eine Telefonrechnung zugestellt bekommen, die weit über 1000 DM  lag. Damals wurde Internet noch wie Telefon abgerechnet und war extrem teuer. Flatrates gab es nicht. Und wer viel im Netz unterwegs war, musste dementsprechend blechen. Mit den Flatrates wurde das anders! Die Deutsche Telekom und andere Anbieter haben sich jetzt überlegt, dass das mit dem gleichen Preis für alle doch keine gute Geschäftsidee für sie ist. Sie wollen jetzt lieber unterschiedliche Tarife mit Datenvolumen statt echten Flatrates anbieten. Der Geldbeutel entscheidet also, ob wir  uns ein Internet S, M, L, XL oder XXL leisten können. Momentan haben wir übrigens fast alle XXL des Möglichen.

Wie früher müssen wir dann in Zukunft genau darauf achten, wie viel wir in den letzten Tagen bereits heruntergeladen haben. Sonst heißt es am Monatsende bei der letzten Folge der Lieblingsserie: Pech gehabt, das Datenvolumen ist schon alle. Aber das ist noch nicht alles, schließlich gibt es ja noch die Zusatzfeatures, die nach und nach eingeführt werden. Und die sind der eigentliche Knackpunkt bei der Netzneutralität. Um zu verstehen, worum es bei den Features geht, muss man sich für einen Moment das Internet als ein riesiges Netz aus Wegen vorstellen. Die Daten, die wir austauschen, werden auch Pakete genannt. Um ein Paket von A nach B zu bringen, braucht es einen Post- oder Paketboten. Das sind im Netz unsere Internetanbieter: Telekom, O2, Vodafone, Telefonica und wie sie alle heißen. Bei der Post gibt es ja zum Glück das Briefgeheimnis. Das bedeutet: Der Postbote darf  nicht einfach unseren Brief aufmachen und lesen. Er darf auch nicht einfach selbst darüber entscheiden, welcher Brief oder welches Paket wie schnell transportiert wird.

Ohne Netzneutralität passiert aber im Netz genau das: Der digitale Postbote macht unser Paket auf und schaut erst mal was drin ist und macht davon abhängig, ob und wenn ja, wie schnell er das mit dem Liefern macht. Viele Internetanbieter haben in ihren Verträgen tolle neue Zusatzfeatures. Bestimmte Dienste sollen nicht vom Datenvolumen betroffen sein – dort kann man störungsfrei weitersurfen. Die Telekom bietet ein spezielles Angebot zusammen mit dem Musikdienst Spotify an. Hört sich ja erst einmal total nett an, ist es aber nicht. Denn viele Internetanbieter wie die Telekom bieten neben Internetverträgen selbst Dienste im Netz an. Bei der Telekom kann man mit „Entertain” ein Abo für Digitalfernsehen kaufen.

Viele schließen Verträge mit großen anderen Internet Dienstanbietern. Und die sollen natürlich bevorzugt behandelt werden. Die Telekom will ihre Flatrates – so wie wir sie kennen – abschaffen. Zeitgleich baut sie ihre Sonderkonditionen mit großen Partnern und eigenen Diensten aus. Ein Telekom-Sprecher forderte erst kürzlich, Anbieter wie Google sollten doch bitte Geld an die Telekom für die Durchleitung ihres Datenverkehrs zahlen. Da weiß man, wohin die Reise geht.

„Datenpakete sind wie eine Zwiebel
mit vielen Schichten eingepackt.”

Man muss sich auch fragen, wie der Anbieter zwischen Paketen an den einen Dienst und den anderen Dienst unterscheiden will. Datenpakete sind wie eine Zwiebel in vielen Schichten eingepackt. Ganz im Paket-Inneren ist bei einer E-Mail beispielsweise der Text. Außen sind die Paketschichten, die beispielsweise sagen „Hallo Rechner, um mich lesen zu können, musst du folgendes Programm benutzen” oder „Moin, ich bin ein Paket von Katta an Pia”.

Was macht der Anbieter also? Er macht das Päckchen auf und schaut bis zu der Paket-Schicht, die sagt: „Ich bin von deinem Tochterunternehmen, wir gehören doch zur Familie”, oder: „Ich habe dir diesen Monat Geld dafür gezahlt, dass du mich hier durchlässt”.

Dein Anbieter kontrolliert also, von wem du Pakete bekommst und an wen du welche schickst, bevor er sich  entscheidet, sich auf den Weg damit zu machen. Und er führt eine Art  Wegzoll oder Maut ein. Ohne eine gesetzliche Netzneutralität ist das total legal. Es ist auch legal, sich von einzelnen Diensten Geld dafür zahlen zu lassen, dass man die Inhalte an die Kunden bevorzugt weiterleitet. Erst recht legal ist es, die eigenen Dienste von  Tochterunternehmen bevorzugt durchzustellen. Das verschafft ihnen einen unfairen Vorsprung gegenüber der Konkurrenz. Und wenn ein Anbieter damit anfängt, werden andere nachziehen, da bin ich mir sehr sicher. Ergebnis: Wer Kohle hat, hat Reichweite im Netz und alle anderen haben dann Pech gehabt.

In anderen Ländern ist diese Entwicklung bereits weiter fortgeschritten. Schließlich gibt es so viele Dienste, die schlecht fürs Geschäft sind. Es gibt aber auch hier bereits Telefonanbieter, die gezielt Skype oder andere Dienste blocken oder verlangsamen, damit ihre Kunden wieder mehr telefonieren. Es gibt Telefonverträge mit Aufpreis für die Nutzung von WhatsApp, damit die Leute noch SMS schreiben. Und es gibt bereits Internetanbieter, die bei Peer-to-Peer Verbindungen – also Filesharing – gezielt die Verbindung verlangsamen. Und es gibt Dienste, bei denen man selbst ohne Guthaben noch auf einen bestimmten Anbieter zugreifen kann – der dafür auch ordentlich an den Netzanbieter gezahlt hat. Das ist  momentan alles legal, so lange irgendwo im Kleingedruckten eine entsprechende Klausel versteckt ist. Aber wer liest das schon?

Warum  ist Netzneutralität also wichtig? Ganz einfach: Ich habe das Netz als eine gigantische Masse der absurdesten und komischsten und  interessantesten und liebenswertesten Seiten kennen gelernt. Es gibt nichts, was es nicht gibt. Abseits der großen Dienste gibt es ein echtes Biotop von kleinen Bands auf dem Sprung nach oben, selbstgemachten Comedy-Sendungen und liebenswerten Blogs. All den geilen Nischen-Angeboten wird aber der Saft abgedreht, wenn die meisten Leute am Monatsende nur noch bei den Partnerseiten von Telekom oder Vodafone oder wie sie alle heißen vernünftige Bandbreite haben.

„Chile, Slowenien und die Niederlande haben bereits ein Gesetz zur Netzneutralität.”
Und warum ist das schlimm? Ich will nicht, dass das Netz immer mehr von wenigen großen Unternehmen bestimmt wird. Das Netz ist mehr als Facebook und mehr als Spotify oder mehr als Skype. Das Netz ist auch für Blogs, die Seite eines kleinen Bielefelder Datenschutzvereins, Piratebay und movie2k.to. Das Netz ist auch die Seite meiner Lieblingsband, die wahrscheinlich nie groß rauskommen wird, der ich aber die Chance gönne, ihre Lieder übers Netz zu verbreiten. Das Netz ist für mich eben nicht nur Kommerz und Online-Shopping – sondern mehr. Denn das Netz sind wir und die Chance, selbst mit wenigen Klicks etwas auf die Beine zu stellen. Und ich finde, jeder sollte unabhängig vom Geldbeutel daran teilhaben können. Sowohl als Nutzer aber auch als Macher von Inhalten.  Und zwar auch anonym, wenn er oder sie es möchte. Ohne Netzneutralität können wir das aber knicken. Ich mag ich es nicht, wenn mein Postbote in meinen Paketen rumschnüffelt.

Der soll einfach nur seinen Job machen: Pakete liefern und abholen. Und welche Inhalte mir wichtig sind und welche nicht, welche ich per Express zugestellt haben möchte und welche nicht – das alles will ich immer noch selbst entscheiden. Chile, Slowenien und die Niederlande haben bereits ein Gesetz zur Netzneutralität.

— Worauf warten wir also noch? —

Autorin: Katharina Nocun
Politische Geschäftsführerin der Piratenpartei Deutschland

Autor: herausgeber

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3 Kommentare

  1. Letztlich geht es bei der Netzneutralität im Kontext der Deutschen Telekom um etwas ganz anderes. Die Deutsche Telekom hat Probleme mit dem Selbstwertgefühl. Internetkonzerne wie Amazon, Google und Apple verdienen mit Internetdiensten viel Geld, sind ständig positiv in der Presse und bringen fortlaufend geile Produkte auf den Markt. All das wäre aber nicht möglich/nutzbar, ohne die schnellen Internetanschlüsse der Telekom. Als Dank steht der Konzern aber ständig in der Kritik. Die Telekom reagiert wie ein hilfloses, kleines, beleidigtes Kind. „Kann ich davon etwas abhaben?“ Traurig ist, dass in dem originären Kerngeschäft der Deutschen Telekom eigentlich noch sehr viel Innovation möglich wäre. Das fällt aber vom Tisch, weil alle Anstrengung darin liegt, vom großen Kuchen etwas abzubekommen.

    http://www.unmus.de/liebe-deutsche-telekom/

  2. Netzneutralität ja, aber die hier aufgezählten Beispiel sind falsch bzw. schlecht durchdacht.

    1) „Internet satt nur für Leute mit Geld“
    Kurz gesagt, gibt es 99,9% aller Waren und Dienstleistungen nur für Leute mit Geld. Natürlich war die Einfuhr von Flatrates etwas tolles, aber ein Unternehm wird ja wohl noch die Freiheit haben seine Tarifmodelle zu ändern ohne das die Politik gleich eingreift.
    Die Aufweichung der Pauschaltarife hat nichts mit Netzneutralität zu tun.

    2) „Briefgeheimnis“
    Ja, bei der Post gibt es ein Briefgeheimnis. Bei der Post gibt es auch verschiedene Tarife. Wenn ich ein Paket abschicke kostet es mehr als wenn ich einen Brief abschicke. Besonders vergünstigte Tarife haben Zusatzbedingungen. Eine Warensendung, darf nur gekaufte Ware und eine Rechnung enthalten, ich darf damit keine Akten oder Briefe verschicken. Büchersendungen dürfen nur Bücher enthalten ( +Rechnung).
    Wie kontrollieren die das? Nun man muss die Ware z.B. offen verschicken. Ja, offen. Das heißt die Post schaut da unter anderem schon in die Sendung hinein.
    Die Post schaut auch darauf, wo die Sendung hingeht. Praktischerweise steht das ja auf der Sendung drauf. Man mag es jetzt für verwerflich halten, aber z.B. Sendungen ins Ausland sind generell teurer als im Inland, klingt blöd, ist aber so.

    3) „Datenpakete sind wie eine Zwiebel mit vielen Schichten eingepackt.”
    Bleiben wir doch gleich bei der Analogie. Angeblich muss man in die Pakete hineinsehen um zu sehen wo sie hingehen, wie groß sind sind etc.
    Das ist einfach Quatsch. Muss ich hier jetzt einfach so sagen. Die Datenpakete haben sog. Header in dem alles steht was ein Provider wissen muss um zu bestimmen ob und wie viel das Paket vom Datenvolumen des Nutzers verbraucht.
    Das hat überhaupt nichts mit Schnüffeln zu tun. Wer dies Schnüffeln empfindet, für den muss ein Postmitarbeiter ja ein wahrer Meisterspion sein. Immerhin sieht er mit seinen Augen, wo eine Sendung hingeht und wo sie herkommt. Seine Waage sagt im das genau Gewicht und mit seiner Sachkenntnis kann er auch sofort sagen, ob das richtige Format eingehalten wurde. Teuflisch!