Die Pflege ist selbst ein Pflegefall

Die Pflege ist selbst ein Pflegefall

VON OLIVER SIPPEL

Das Schlimmste vorweg: Altenpflege kann wirklich so unappetitlich sein wie man es sich vorstellt. Windeln wechseln, Menschen waschen, Schleim absaugen – je nachdem, wie pflegebedürftig jemand ist. Der Rest, das Zwischenmenschliche, ist aber das, worauf es in diesem Beruf ankommt. Das habe ich an diesem Tag gelernt.

Am Dienstag, den 30. Juli, bin ich der Einladung des Bündnisses für gute Pflege gefolgt und habe mir in einem Praxistag im Paul-Gerhardt-Haus in Tönning angesehen, was es bedeutet, in der Altenpflege zu arbeiten. Ich gewann an diesem Tag Eindrücke, die mich tief bewegt haben. Ein paar Fakten vorweg:

Das Seniorenheim im Paul-Gerhardt-Haus ist eine diakonische Pflegeeinrichtung nach SGB 11 und existiert seit 1978. Es beherbergt Seniorinnen und Senioren aller Pflegestufen. Die früher 80 Plätze wurden auf mittlerweile 69 reduziert, um für die Pflegebedürftigen mehr Komfort zu schaffen. „Der einzelne Mensch braucht Rückzugsraum, das wurde früher zu wenig beachtet“, erklärt Geschäftsbereichsleiter Jan Podgorski die Reduzierung. Auf ca. 20 Bewohner kommt hier eine examinierte Pflegefachkraft und eine Pflegehilfe. Damit hält sich die Einrichtung an die Vorgaben, die besagen, dass mindestens 50% des Personals  ausgelernte Fachkräfte sein müssen. „Ob diese starre Quote nötig ist, sei dahingestellt“, so Podgorski, „viele Pflegehilfen sind seit Jahrzehnten dabei und wesentlich qualifizierter als manche Fachkraft.“ Die Vergütung ist individuelle Verhandlungssache mit den jeweiligen Kostenträgern, einen Rahmentarifvertrag gibt es nicht. Fachkräfte bekommen hier im Schnitt 11,50 €, Pflegehilfen beginnen mit 9 € die Stunde. Andernorts gibt es noch weniger. Der Mindestlohn in der Pflege beläuft sich im Westen auf 8,50 € je Stunde. Dass dies keine gerechte Entlohnung ist für eine Berufsgruppe, die derart viel leistet, einen so wichtigen Dienst an der Gesellschaft übernimmt und sowohl physisch als auch psychisch bis an ihre Grenzen geht, werde ich bald selbst erkennen.

Vorerst sitze ich noch bei einem Kaffee im Büro von Herrn Podgorski und unterhalte mich mit ihm und Pflegedienstleiterin Anke Hinrichsen über die Probleme, vor denen sich die Pflege tagtäglich gestellt sieht. „Als zusätzliche Belastung neben der ohnehin schon schweren Tätigkeit empfinden wir den Leistungsdruck, dem wir ausgesetzt sind“, so Hinrichsen, „Wir verbringen fast genauso viel Zeit mit Dokumentation, wie mit den Bewohnern selbst. Einmal im Jahr gibt es eine Regeluntersuchung vom MDK, dem medizinischen Dienst der Krankenkassen, die erst einen Tag vorher angekündigt wird. Das ist, als stünde man jedes Mal vor einer Prüfung, von der die eigene Existenz abhängt. Dass Prüfungen stattfinden müssen, ist klar. Die Art und Weise, wie jedoch geprüft wird, wird der Realität nicht gerecht. Schwarze Schafe gibt es in der Pflegedienstleistung sicherlich, sie sind jedoch nicht die Regel. Negative Berichterstattung hat uns in diesem Punkt das Leben schwer gemacht.“

Wer könnte den letzten Satz besser nachvollziehen als ein Pirat.

„Die akribische Dokumentation aller Einzelheiten, beginnend mit dem Zustand, in dem die Bewohner morgens aufgefunden werden, bis hin zu dem genauen Winkel, in dem sie selbständig die Arme heben können, braucht viel Zeit. Die fehlt dann bei der eigentlichen Pflegearbeit“, ergänzt Podgorski, „Hinzu kommt, dass uns Arbeitskräfte verloren gehen, weil sie in den Prüfdienst des MDK gehen. Dort verdienen sie ja viel mehr.“

An Personal mangelt es ohnehin an allen Ecken und Enden. „Wenn Sie in einen Pflegeberuf gehen, finden Sie immer Arbeit“, so Podgorski, „Das Problem ist, dass es so wenige Menschen gibt, die sich das antun.“ Zu der geringen Entlohnung, der kräftezehrenden Arbeit beim Heben, Stützen und Wenden der Bewohner und der psychischen Belastung durch Sterbefälle kommen noch die familienunfreundlichen Arbeitszeiten in der Wechselschicht. „Ich war schockiert“, berichtet Hinrichsen, „am ersten Tag meiner Ausbildung zu hören, dass die meisten von uns diesen Beruf nicht länger als fünf Jahre ausüben, bevor sie aufgeben.“

Gelegenheit, mich von den Zuständen in den Pflegeberufen selbst zu überzeugen, bekam ich im Anschluss an das Gespräch. Nach einer kurzen Führung durch die Räumlichkeiten begleitete ich Pflegeassistenz-Auszubildende Rebecca Dithmer bei ihren täglichen Aufgaben. Und bekam bereits beim Zusehen einen Eindruck davon, wie schnell man in diesem Beruf an seine Grenzen geraten kann.

In allen Zimmern wird Frau Dithmer mit Herzlichkeit empfangen. Kleine Gespräche lockern die täglichen Rituale. Ich frage mich, wie es wohl sein muss, nachdem man Monate oder Jahrelang solche Gespräche mit einer Person geführt hat, wenn diese Person auf einmal vor den eigenen Augen stirbt.

Viele Senioren in dem Pflegeheim sind körperlich derart geschwächt, dass sie nicht mehr in der Lage sind, allein aus ihrem Sessel oder Rollstuhl aufzustehen. Die meiste Zeit des Tages befinden sie sich in ihrem Zimmer und bekommen nur das zu sehen, was sich vor ihrem Fenster abspielt. Für ausgedehnte Spaziergänge fehlt den Pflegern die Zeit.

„Manchmal nehmen wir sie in der Freizeit mit auf einen Spaziergang“, erwähnt Frau Dithmer nebenbei und lässt mich erahnen, wie weit der Beruf in das Privatleben hineinragt. Einige der Bewohner sind geistig noch klar genug, sich ihrer Lage bewusst zu sein und nehmen ihre Situation mit beachtlich viel Humor.

Trotzdem kommt in mir intuitiv der Wunsch auf, diejenigen zu beglückwünschen, die sich aufgrund von Demenz ihrer Hilflosigkeit nicht bewusst sind. Anderen Bewohnern lässt sich von außen nicht einmal ansehen, wieviel Bewusstsein noch in ihnen steckt. Wie die bettlägerige Patientin in Zimmer 4, die durch eine Magensonde ernährt wird. Bei ihr sammelt sich der Speichel regelmäßig derart bedrohlich, dass er abgesaugt werden muss.

Oder die Dame im Rollstuhl, die mich jedesmal misstrauisch beäugt, wenn ich im Foyer an ihr vorbeilaufe. Später schaue ich dann zu, wie sie, die sich fast gar nicht mehr aus eigener Kraft bewegen kann, auf ihr Zimmer gebracht wird. Und sehe die Hilflosigkeit in ihren Augen, als die Pflegerinnen sie ausziehen und in ihr Bett heben. Diesen Gesichtsausdruck, als sich unsere Blicke trafen, werde ich mit nach Hause nehmen und noch oft an die alte Dame denken müssen.

Immer wieder frage ich mich, wie ich empfinden würde, wenn es mir so ginge. Und muss spontan meine Fragestellung korrigieren. Wie wird es mir ergehen, wenn ich alt bin? Wie wird dann mit mir umgegangen? Was werde ich als angenehm empfinden, was als demütigend? In diesem Moment ist die Altenpflege kein abstrakter Begriff mehr für mich, und ich beginne, ihren Wert neu zu beurteilen.

Wer den Beruf des Altenpflegers ausübt, braucht eine altruistische Grundhaltung. „Wenn ich einmal pflegebedürftig bin, möchte ich doch auch nicht, dass mir das Essen reingestopft wird, nur weil mein Pfleger ein fest vorgegebenes Zeitkontingent für die Essensangabe hat“, erklärt mir eine Mitarbeiterin, „Also bleibe ich nach Feierabend noch eine halbe Stunde länger, und lasse den Bewohner sein Abendbrot in Ruhe beenden. Ich sehe doch, wie es ihm schmeckt.“ Ich persönlich bin davon überzeugt, dass es eine Menge Menschen gibt, die diese Selbstlosigkeit besitzen, und denen der Beruf des Pflegers Spaß machen würde, allein schon wegen der zwischenmenschlichen Kontakte. Einige von den älteren Damen möchte man spontan in den Arm nehmen und drücken. Doch für die Nähe fehlt die Zeit. Das könnte sich ändern, wenn mehr Schulabgänger den Schritt in einen Pflegeberuf wagen würden. Doch die derzeitigen Arbeitsbedingungen, insbesondere die zu geringe Entlohnung, schrecken zu sehr ab.

Was also können wir tun? Um den Pflegeberuf attraktiver zu machen, bedarf es einer besseren Bezahlung. Diese muss in Rahmentarifverträgen festgesetzt werden. Schon jetzt aber kostet die Pflege so viel Geld, dass viele Senioren in Pflegeheimen nicht einmal mehr genug Geld übrig haben, um sich am Kiosk um die Ecke eine Zeitung leisten zu können.

Wir Piraten setzen uns daher für eine umfangreiche Überarbeitung des Sozialsystems ein. Eine Altersgrundsicherung soll der bereits jetzt fortgeschrittenen Altersarmut entgegenwirken. Diese Grundsicherung soll für alle Rentner gleichermaßen und in einem Korridor zwischen Minimal- und Maximalrente ausgezahlt werden, unabhängig von erwirtschafteten Rentenansprüchen. Die Höhe der Grundrente muss so angesetzt sein, dass damit sowohl ambulante als auch stationäre Pflegedienste in angemessener Weise bezahlt werden können.

Zur Finanzierung der Grundrente sollen alle bestehenden Rentensysteme, berufsständische Versorgungssysteme und Pensionen im öffentlichen Dienst zu einer Rentenkasse zusammengeführt werden. Alle steuerpflichtigen Einkommen und Kapitalerträge werden zur Zahlung von Rentenbeiträgen verpflichtet. Keine Berufsgruppe wird ausgenommen, die Bemessungsgrenze soll entfallen. In die Rentenkasse zahlen alle in Deutschland lebenden Menschen einkommensabhängig ein. Die Beiträge von Selbstständigen werden sich an ihren jeweiligen Unternehmenszahlen orientieren, so dass diese in ihrer Existenz nicht gefährdet werden.

Es ist eine Frage an die Gesellschaft, wie wir mit unseren Alten umgehen. Ob wir sie nach dem Motto „Aus den Augen, aus dem Sinn“ auf die kostengünstigste Weise in Pflegeheimen unterbringen, oder ob wir das, was diese Menschen in ihrem Leben für uns und die Gesellschaft geleistet haben, wertschätzen und ihnen den angenehmen Lebensabend ermöglichen, den sie verdient haben. Mir fällt dabei ein Satz ein: „Ich schlage mir selbst nicht mit dem Hammer auf den Kopf, weil ich weiß, dass es weh tut. Aus demselben Grund schlage ich anderen nicht mit dem Hammer auf den Kopf.“ Jeder von uns wünscht sich, in Würde alt zu werden und sein Leben bis zum Schluss aus eigener Kraft zu meistern. Leider ist dies nicht jedem von uns vergönnt. Diejenigen unter uns, die im hohen Alter auf Hilfe angewiesen sind, haben jedoch ein naturgegebenes Recht auf die höchstmögliche Lebensqualität bis zum letzten Tag. Um dies zu gewährleisten, brauchen wir ausreichend Pflegekräfte. Die wird es aber ohne angemessene Bezahlung und familienfreundlichere Arbeitszeiten nicht geben. Und noch etwas ist wichtig: „Bezahlung ist das eine“, gibt Podgorski zu bedenken, „mindestens genauso wichtig ist aber eine entsprechende Wertschätzung der Pflegeberufe. Im vergangenen Jahr wurde das Jahr der Pflege ausgerufen. Passiert ist über das ganze Jahr aber gar nichts. Das frustriert.“

Was also stattfinden muss, ist ein Umdenken in der Gesellschaft. Pflege ist kein abstrakter Begriff, sie ist etwas, das uns alle betreffen kann, das viele von uns irgendwann einmal betreffen wird. Wir müssen aufhören, uns von unseren Alten zu distanzieren. Ich kann jedem Leser nur empfehlen, sich einmal in das nächstgelegene Pflegeheim zu begeben, sich mit den Menschen dort zu unterhalten und sich selbst ein Bild zu machen. Die Senioren sind bis zuletzt Teil unserer Gesellschaft. Und die Pflegekräfte sind diejenigen, die sich die höchst respektable Aufgabe zu eigen gemacht haben, den Alten den Lebensabend so angenehm wie möglich zu gestalten.

Ich wünsche mir, dass wir den Pflegern im Gegenzug die Ausübung ihres Berufes so angenehm wie möglich machen. Damit es noch viele von ihnen gibt, wenn wir einmal auf sie angewiesen sind.

Der Autor Oliver Sippel ist Stellvertretender Landesvorsitzender der Piratenpartei in Schleswig-Holstein.