8 Tage danach – die Folgen der Schließung der Geburtshilfe

So, formal seit 8 Tagen, faktisch aber seit 10 Tagen, ist unsere Insel nun ohne Geburtshilfe. Statistisch gesehen hätte es in diese Zeit ca. 3 Geburten auf Sylt gegeben. Erschreckenderweise wissen wir, dass es seit dem 30.12. bei zwei Geburten zu Problemen wegen den bestehenden Einschränkungen gekommen ist:

Bereits am 30.12. wurde eine Schwangere per Hubschrauber ausgeflogen, obwohl auch eine Entbindungseinleitung auf Sylt noch möglich gewesen wäre und kein besonderes Risiko, das den Abtransport per Hubschrauber rechtfertigen würde, bestand.

Gestern am 07.01. kam es aber nach uns übermittelten Berichten zu einer Situation, die aufzeigt, dass die jetzige Lösung nicht klappt.  Eine Schwangere rief die gynäkologische Praxis in Westerland an weil sie einen Blasensprung mit Fruchtwasserverlust hatte. Ihr behandelnder Arzt verwieß sie in die Klinik mit dem Hinweis, der Gynäkologe wurde gleich vorbei kommen.
Dieser erschien aber erst nach etwa einer Stunde und betreutet die Frau trotz begonnenem Geburtsprozess ohne Hebamme, obwohl selbst bei Notfällen eine gesetzliche Hinzuziehungspflicht besteht. Nach einiger Zeit wurde die Verlegung der Schwangeren aufs Festland beschlossen und mit dem Rettungswagen durchgeführt. Die Schwangere wollte daraufhin in Niebüll in die Klinik, weil dort ihre Familie vor Ort gewesen wäre.
Dieses wurde ihr verweigert mit dem Hinweis, die Verträge ließen nur einen Transport zur Diako in Flensburg zu zu der sie dann auch gegen ihren Willen transportiert wurde.

Das wirft einen Haufen Fragen auf:

  1. Wieso wurde eine Schwangere ohne Notwendigkeit ausgefolgen, als die Insel noch Geburthilfe hatte? Wollten die zuständigen Entscheider einfach nur Ruhe vor Silvester?
  2. Auf welcher Vertragsbasis hat der Gynägologe in der Klinik überhaupt gehandelt? Waren beide Patientinnen als Notfälle einzustufen oder handelte es sich um reguläre, physiologische Geburtsverläufe?
    Und wieso hat der Gynäkologe trotz Kenntnis der gesetzlichen Hinzuziehungspflicht keine Hebamme benachrichtigt?
    Und wieso nimmt die Klinik den Gynäkologe, den sie selber als qualitativ mangelhaft bezeichnet hat doch wieder als Consiliararzt unter Vertrag?
  3. Welche Vertragsgrundlage schränkt die freie Entscheidung der Schwangeren auf Wahl des Entbindungsortes und des behandelnden Arztes ein? Bekommt die Diako von der Asklepios-Klinik Zahlungen für die Einweisung der Schwangeren oder umgekehrt? Ist es medizinisch, ethisch und standesrechtlich für den Gynäkologen überhaupt vertretbar, mit durch den Blasensprung begonnener Geburt die Schwangere ohne Begleitung durch eine Hebamme auf den Hindenburgdamm zu schicken?

Aber die wichtigste Frage ist:
Wenn schon in 10 Tagen zweimal etwas nicht rund läuft, wann wird es dann wohl einmal zum Supergau für Mutter und Kind kommen ???
In Pforzheim kam es nach Abweisung einer Schwangeren durch mehrere Kliniken im letzten Jahr sogar zu einem Todesfall, bei der Odysee, den unsere Sylter Gebärenden nun in Kauf nehmen müssen, ist so ein Schreckens-Szenario wohl nur noch eine Frage der Zeit …

Hicham Lemssiah & Lars Schmidt (Insel-Liste zukunft.sylt)
Christian Thiessen (Piraten)


Foto: © Michael Gäbler / Wikimedia CommonsCC-BY-SA-3.0


Kommentare

11 Kommentare zu 8 Tage danach – die Folgen der Schließung der Geburtshilfe

  1. Marion schrieb am

    Ich kann es einfach nicht fassen und bin total sprachlos mit welcher Geringschätzung hier mit einer Gebärenden umgegangen wurde. Das schreit geradezu nach Unrecht und Missachtung der Menschenrechte 🙁

  2. Sprachloser schrieb am

    Warum wird die eine kreisende Frau mit einem Rettungswagen gefahren? Die Jungs sind ja mutig!!! Westerland – Niebüll 45min!!!

    Ob das !!! Allen !!! Patienten und Rettungspersonal so bewusst ist???

    Tja, umgedacht wird erst bei einer Schädigung…

  3. Fakti schrieb am

    Bei allem Grund in der Gesamtsituation emotional zu werden, man sollte versuchen bei den Fakten zu bleiben.

    Unbestritten dürfte sein, dass die medizinische Versorgung von Mutter und Kind im Haus der Maximalversorgung in Flensburg deutlich besser sein dürfte als in Niebüll.

    Unbestritten ist aber auch, dass Mutter und Kind nur dann von der höheren Versorgungsstufe profitieren, wenn Sie die Klinik hier in Flensburg lebend und ohne medizinischen Schaden erreichen.

    Es gibt keine Verträge, die eine Verlegung nur nach Niebüll zu lassen, wohl aber medizinische Aspekte, die genau diese als sinnvoller erachten, als die Nähe zu Verwandten.

    Trotzdem zählt letztendlich der Wille der Mutter. Wenn dieser in Niebüll den Rettungstransportwagen verlassen wollen, hätte Sie vermutlich niemand daran gehindert.

    @sprachloser:

    Transporte von der Insel Sylt zu unserm Maximalversorger werden mehrmals am Tag durch geführt.

    Die Patienten dürfen sich wohl darauf verlassen können, dass hier kompetentes und erfahrenes Personal eingesetzt wird, dass sehr wohl mit den zu erwartenden Komplikationen eines solchen Transportes auf dem Weg über den Hindenburgdamm klar kommt.

    Schließlich ist die Insel Sylt der einzige Bereich, in dem der Landkreis Nordfriesland nicht seinen eigenen Rettungsdienst einsetzt, sondern Spezialkräfte für Inselrettung.

    @Marion:

    Entspanne Dich, alle haben das beste getan, was für Mutter und Kind erreichbar war. Da würde manche Mutter im Ostblock oder im Busch nur von Träumen.

    Schön wäre es natürlich gewesen, wenn die Hebamme der Mutter in diesen schweren und aufregenden Stunden an der Seite der werdenden Mutter geblieben wäre und Fahrt ins Krankenhaus und über den Damm medizinisch betreut hätte..

  4. Elvira schrieb am

    „Spezialkräfte für Inselrettung“ ??? Oh Herr, lass Hirn regnen!

  5. Nissi schrieb am

    War nicht ganz so dramatisch wie beschrieben,Fruchtblase war geplatzt und der Arzt hat sie nach Flensburg überwiesen wie alle anderen auch.Die werdende Mutter wäre zwar gern nach Niebüll gegangen aber in Flensburg ist wohl die bessere Klinik.Da so eine Geburt ja auch stundenlang geht weiß der Arzt wohl was er tut.Auf jeden Fall sind meine Tochter und die Mama wohlauf und das ist ja das wichtigste 🙂

  6. Friesenretter schrieb am

    @ Fakti: Spezialkräfte? Bitte, was soll das denn heissen? Was unterscheidet Sylt denn von den anderen friesischen Inseln die durch uns Kreisretter abgedeckt werden? Haben wir hier etwas verpasst? Wie oft werden Patienten in Niebüll egal welchen Zustandes übernommen, damit die „Spezialkräfte“ pünktlich Feierabend machen können? Ach ja, „kompetentes und erfahrenes Personal… dass sehr wohl mit den zu erwartenden Komplikationen eines solchen Transportes auf dem Weg über den Hindenburgdamm klar kommt“!!! ich würde mir alleine sowas nicht zutrauen – und bei Euch wissen wir ja alle, wer meistens solche Transporte durchführt. Gruß an die Rentner, Ehrenamtlichen und Auszubildenden, ob von denen jemand weiss wie er eine Geburt auf dem Damm durchführt?

  7. Nordfriesland-Bloni schrieb am

    @ Fakti

    Ich denke Fakti hat recht, der Kommentar hat mir die Augen geöffnet.
    Die Transporte über den Hindenburgdamm, mit einer Gesamtdauer von ca. einer Dreiviertelstunde, in der das Personal zumeist ohne Arzt alleine die volle Verantwortung trägt kann nicht von „normalen“ Rettungsdienstlern durchgeführt werden.
    Es ist wohl schon richtig, dass die zumeist seit 40 Jahren erfahrenen Spezialkräfte, die die regulären, speziell ausgebildeten Inselretter auch nach Inkrafttreten des Ruhestandes tatkräftig unterstützen weit besser ausgebildet sind als das Personal in Nordfriesland, aber die Unsicherheit bleibt.

    Trotz Ihrer Jahrzehnte langen Erfahrung mit derart verantwortungsvollen und riskanten Einsätzen, die natürlich kein Sanitäter ohne Zusatzqualifikation ausüben darf, könnte es unter Umständen kritisch werden…

    Sorgen bereiten mir dort die sehr jungen, sich in der Ausbildung befindlichen Retter, die zumeist den Patienten betreuen, denn ein Arzt ist im Ernstfall in weiter Ferne…

    Der erfahrene Kollege steuert ja, wie oft gesehen das Fahrzeug, was natürlich ebenso wichtig ist, denn man möchte ja das Ziel erreichen.

    Naja, die wissen schon was sie tun. Alles wird gut, deshalb sollten sich Leute die sich damit nicht auskennen Ruhe bewahren.

    Noch sind die Inselretter für die gesamten Insulaner und Gäste allein verantwortlich, da sich bisher kein anderer getraut hat diese enorme Verantwortung zu tragen bzw. zu teilen. Dies wird wohl auch in Zukunft so bleiben, denn eine Insel ist ein ganz besonderes Einsatzgebiet, an das sich die normalen Retter wohl niemals rantrauen werden.

    Es ist ja schließlich noch nie was passiert, dann wird auch in Zukunft alles gut gehen.

    Also: Keine Panik!!! Es wird nichts passieren!!! Niemals!!!

    Eure Blondine

  8. Festlandbeobachter schrieb am

    ALso, was Blondi da schreibt finde ich ziemlich zynisch und kann mir nicht vorstellen, dass da Rentner arbeiten. Dass der Hindenburgdamm einen Faktor darstellt, der im Notfall eine wichtige Rolle spielt und aufgrund des Zeitfaktors über das Wohl des Patienten entscheiden kann, ist denke ich allen klar. Für den Hindenburgtransport sollten wirklich medizinische Spezialkräfte an Bord sein, damit Notfälle beherrscht werden können. Sind das denn hauptberufliche Kräfte oder ist das nur eine Bereitschaft wie bei der Feuerwehr? Und haben sie für z.B. Geburten eine Ausbildung? Ich wollte meine Frau nicht unbedingt mit alten Hobbysanitätern auf die Reise schicken.

    Dass nichts passieren wird hoffe ich für alle. Es sind sich hoffentlich alle Ihrer Verantwortung bewusst…

  9. Klaus schrieb am

    Spinnt ihr jetzt alle, oder versucht ihr durch Ironie eueren Frust über dieses brisante Thema zum Ausdruck zu bringen???
    Wie kann man von einem Auszubildenden (zum Rettungsassistenten) mit einjähriger schulischer Ausbildung und vier Wochen Krankenhauspraktikum erwarten, im Notfall in einem Rettungswagen auf einem Autozug, eine Geburt durchzuführen, welche eine erfahrene Hebamme mit dreijähriger Berufsausbildung nichtmal in einem speziellen Kreissaal ohne Gynäkologen machen würde.
    Ich denke das schafft auch keine Spezialkraft für Inselrettung…

  10. Ernie schrieb am

    @ Nissi

    Es ist „Gott sei Dank“ nichts passiert und ich bin froh, dass es allen gut geht.
    Sollte man hierbei allerdings von „Glück“ oder „Wird schon gut gehen“ sprechen, dann muss man sich fragen ob ein oder ggf. zwei Menschenleben das wert sind.

    Ich denke NEIN!!!

    Eine Geburt stellt, wenn auch mit kalkulierbarem Risiko, immer eine Gefahr dar.

    @ Blondi
    @ Festlandbeobachter

    Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass da Rentner solche Transporte durchführen, zumal diejenigen ja viel zu wenig Praxis bzgl. von Nottfällen haben und möglicherweise keine oder nur sehr wenige Fortbildungen besuchen.

    Das würde die Leitung sicherlich, wenn auch gesetzlich nicht verboten, garantiert nicht unterstützen.
    Wenn da was passiert, dann könnten sehr unangenehme Fragen gestellt werden.

    Wenn es doch so ist, dann

    Wäre das ein SKANDAL!!!

    Kann man das überprüfen???

  11. 6. Monat schrieb am

    Internet und Zeitung schreiben von einem Rettungskonzept von uns Schwangeren im Falle einer Geburt.
    Wie sieht denn das Konzept aus ? Wer kommt denn Nachts und fährt mich bei Nebel und Sturm auf das Festland ? Muss ich dann immer nach Flensburg ?
    Kann man mir unterwegs auch die Gebärmutter aufschneiden, und das Kind holen, wenn es unter der Geburt feststeckt ? Wiel viele Mütter und Kinder anderer Insel sterben eigentlich bei solchen Aktionen ?

    Haben die beim Rot Kreuz Dienst eigentlich einen Inkubator dabei und rund um die Uhr Personal für solche Fahrten ?

    Kennt sich die Hebamme im Rettungswagen aus ?

    Weiß da jeder was er wann zu tun hat ?

    Wenn ich mit dem Taxi zur Nordseeklinik fahre, muss ich dann vor der Tür auf den Krankenwagen und die Hebamme warten bis ich am Morgen mit dem ersten Zug auf das FEstland darf ?

    Ich glaube da wissen viele selbst gar nicht was zu tun ist un was sein darf und nicht . Kann denn ein normaler Arzt in der Klinik nicht auc einen Kaisercshnitt machen ?

    Würde mich eigentlich die NOB mitnehmen, wenn ich mit WEhen und Hebamme in Morsum morgens um 4 in den ersten Zug springe ? Das könnte schneller sein, als auf Tageslicht und Hubschrauber zu warten oder vor der Klinik zu frieren.

    Hätte ich das gewusst, hätte ich die Pille weitergenommen….:-(((

    Freue mich trotzdem auf den Kleinen :-))))))))

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